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Erosion des Vertrauens
ABO

Anabel Schunke

Erosion des Vertrauens
Es geht ums Ganze.
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Ein Mädchen ist tot. Wieder ist der Täter ein Asylbewerber. Dieses Mal sogar einer, der nicht einfach über die Grenze kam, sondern über ein Aufnahmeprogramm des Bundes eingeflogen wurde. Der 25-jährige Sudanese soll stark alkoholisiert gewesen sein, als er die 18-jährige Iranerin mit vor die einfahrende U-Bahn riss. Beide waren sofort tot. Dabei wäre die Tat zu verhindern gewesen. Zwei Tage zuvor hatte er bereits Polizisten angegriffen. Ein Ermittlungsverfahren wegen Widerstands und gefährlicher Körperverletzung wurde eingeleitet. Trotzdem kam er wieder auf freien Fuss. Mitbewohner der Flüchtlingsunterkunft, in der Ariop A. lebte, beschrieben ihn als tickende Zeitbombe. Wie kann es sein, dass ein Staat solche Menschen immer wieder auf die Bevölkerung loslässt?

DPA / KEYSTONE
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Die Antwort ist einfacher als gedacht: Weil er nicht willens ist, zu realisieren, was diese Taten langfristig mit der Bevölkerung eines Landes machen. Was passiert, wenn wir komplett das Vertrauen in unsere Mitmenschen verlieren und uns nicht einmal mehr trauen, am Bahnsteig nebeneinanderzustehen, weil wir die Gedanken an eine solche Tat nicht mehr aus dem Kopf bekommen. Was das erst recht für eine multikulturelle Gesellschaft bedeutet. Denn natürlich ist das Gefühl ein anderes, wenn ein erkennbar deutscher Landsmann in schicken Klamotten neben uns steht, als wenn es ein afrikanischer Migrant ist. Dass es ein Problem ist, wenn Vorurteile immer öfter zur Realität werden und Pauschalisieren im Zweifelsfall das eigene Leben rettet. Ein Staat, der sich dieser massiven Konsequenzen wirklich bewusst ist, würde alles tun, um die Erosion des Vertrauens innerhalb der Gesellschaft zu verhindern.

Denn: Wer an der Grenze nicht differenziert, muss damit rechnen, dass die Bevölkerung im Inneren es irgendwann auch nicht mehr tut. Wer Gewalttäter und potenziell gefährliche, psychisch labile Migranten nicht wegsperrt, erklärt Vorurteilsfreiheit und Weltoffenheit zu Gütern, die sich der normale Bürger, der nicht mit der gepanzerten Limousine von A nach B fährt, in seinem Alltag nicht mehr leisten kann. Lieber einmal jemandem unrecht tun, als vor den Zug geworfen oder niedergestochen zu werden – das ist ein Gedanke, der vermutlich nicht nur mir immer öfter in den Sinn kommt.

Wie kann es sein, dass ein Staat solche Menschen immer wieder auf die Bevölkerung loslässt?

Entsprechende Vorrichtungen an Bahnsteigen könnten die Gefahr, Opfer einer solchen Tat wie in Hamburg zu werden, minimieren. Ebenso wie Poller und schwerbewaffnete Polizisten Weihnachtsmärkte vor potenziellen Anschlägen schützen und Überwachungskameras den Hofladen vor ausländischen Diebesbanden. Was diese Massnahmen jedoch nicht können, ist, das verlorengegangene Vertrauen zwischen den Bürgern dieses Landes wiederherzustellen. Schlimmer noch: Sie veranschaulichen uns sogar noch, was wir einmal hatten und verloren haben.

Die Generation der heutigen Kinder wird, wenn wir so weitermachen, in einem Deutschland aufwachsen, in dem sie den Verlust der Freiheit und des Vertrauens innerhalb der Gesellschaft gar nicht werden betrauern können, weil ihnen das Bewusstsein hierfür gänzlich abhandengekommen sein wird. Es liegt also an uns Älteren, um die wertvollen Güter der high trust society zu kämpfen, solange sie noch existieren.

Dass multikulturelle Gesellschaften stets low trust societies sind, liegt nicht nur an der überproportional hohen Kriminalitätsrate unter Zugewanderten, sondern auch an der Unterschiedlichkeit der Kulturen. Je ähnlicher uns jemand in seinen Werten, seiner Kultur und Religion ist, desto eher vertrauen wir ihm. Dementsprechend gross ist die Kluft zwischen uns und jenen, deren Art zu leben sich diametral von unserer unterscheidet. Klingt nach Binse, scheint aber, wenn wir die Kopflosigkeit betrachten, mit der in Westeuropa Migrationspolitik betrieben wird, keine zu sein.

Was auf dem Spiel steht, ist also viel mehr als nur Sicherheit und die allgemeine Stimmung im Land. Es ist das, was Gesellschaften im Inneren zusammenhält. Der soziale Kitt. Der unsichtbare Kleber, der uns alle, ob wir uns persönlich sympathisch sind oder nicht, miteinander verbindet. Das sind einzigartige, über Jahrhunderte gewachsene kulturelle und soziale Codes, die zum einen durch chronischen Selbsthass und zum anderen durch die kulturelle Überfremdung und massive Zunahme von derlei Gewalttaten in Frage gestellt werden.

Vertrauen zu zerstören, ist viel leichter, als Vertrauen zurückzugewinnen. Und manches geht auch für immer verloren.